Gertrud Goes veröffentlichte kurz vor ihrem frühen Tod ein Buch mit Gedichten und Erzählungen "Aus Licht und Schatten", aus dem auch dieses Gedicht stammt.
Im März - Gertrud Goes (1878 – 1915)
Der Winter grollt: „Noch bin ich Herr im Lande!
Wie darf dies ekle Grün mein weißes
Kleid beflecken?
Die Wolken peitsche, Nord! dass sie
mit Schnee bedecken
Die Schmach auf meinem fürstlichen
Gewande!
Ich weiche nicht dem Lenz, dem
jungen Kinde!“
Unruhvoll heulen die Winde.
Die Bäume raunen: „Ist der Winter
trunken?
Schaut doch, er wankt zum See!“ Der
Westwind voller Tücke,
Der schmeichelt: „Herr, wie
kunstvoll fügtest du die Brücke
Aus festem Eis!“ – Da ist er schon
versunken,
Den Winter hat der dunkle See
begraben! –
Irgendwo krächzen die Raben.
Die Wolken eilen hastig hin und
wider.
„Was ist?“ – „Der König ist tot!“ – „Heil
König Lenz, dem jungen!“
Die tollen Winde jauchzen mit
gewalt’gen Zungen,
Die Amsel flötet neue
Krönungslieder.
Still, still! Wer trat da eben mit
so lindem Schritte
Heimlich in unsre Mitte?
– Lenz!

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