Zum heutigen Ostersonntag habe ich die "Osterpredigt in Reimen" von Otto Julius Birnbaum ausgewählt.
Am morgigen Ostermontag wird es ein bekanntes literarisches Meisterstück geben, das besser als jedes andere zu Ostern passt.
Osterpredigt in Reimen - Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910)
Verehrter
Mitmensch, höre und vernimm
Freundwillig
mit Hulden und ohne Grimm:
Dieweil es nun
Ostern geworden ist,
Sollst du, von
welcher Art du auch bist,
Ob Heide, Jude,
Moslem, Christ,
Durchaus
vergnügt im Herzen sein,
Osterwürdig und
osterrein.
Mit einem
Birkenreise kehre
Aus deiner
Seele den Geist der Schwere!
Der Wenns und
Abers und Achs und Os,
Die hart und
starr dein Herz umwindet,
Dass der Geist
der Leichte kaum Eingang findet,
Mache dich
hurtig und heiter los!
Du brauchst
nichts weiter dazu zu tun,
Als dich im
Grünen auszuruhn.
Da atmet sich’s
sehr wonnig ein,
Was dir das
Herz macht frei und rein:
Der jungen
Blumen frischer Hauch;
Und die Augen
haben der Wonne auch,
Denn nichts ist
lieblicher anzusehn,
Als wie sie da
hold beisammenstehn,
Blau, weiß und
rosa, klar und licht,
Der Erde
süßestes Ostergedicht.
An ihnen dir
ein Beispiel zu nehmen,
Sollst du, ach
Mensch, dich keineswegs schämen!
Vergiss dein
Gehirn eine Weile und sei
Gedankenlos dem
lieben Leben
Blumeninnig
hingegeben;
Vergiss dein
Begehren, vergiss dein Streben
Und sei in
seliger Einfalt frei
Des Zwangs, der
dich durchs Hirn regiert!
Er hat dich
freilich hoch geführt
Und vieles dir
zu wissen gegeben,
Aber das
allertiefste Leben
Wird nicht
gewusst, wird nur gespürt.
Der Blumen
zarte Wurzeln fühlen
Im
keimlebendigen, frühlingskühlen
Erdboden mehr
von ihm als du.
Und bist doch
auch ein Kind der Erde.
Dass sie nicht
sinnenfremd dir werde,
Wende ihr heut
die Sinne zu!
Das ist der
festlich tiefe Sinn
Der Ostertage:
Mit Entzücken
Sollst du zum
Mutterschoß dich bücken.
Gib heut, o
Mensch, dich innerst zu beglücken,
Der Mutter Erde
frühlingsfromm dich hin!

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